Was unterscheidet eigentlich (tiefenpsychologisch fundierte) Psychotherapie von Gehirnwäsche?

 

Ernst besah sich seine alten Familienfotos. Auf den ganz frühen sah er ein fröhliches Kind, das strahlend in die Welt sah. Aber dann, von einer bestimmten Zeit an, hatte er ein anderes Gesicht: Leer, unlebendig, starr. Die Mundwinkel etwas nach oben, weil man das so macht beim Fotografieren, nur die Augen noch etwas traurig. Und auf den späteren Fotos waren auch die erloschen. Was war geschehen?

Die Erziehung hatte zugeschlagen. Er hatte gelernt, dass er sich benehmen muss, gehorchen, brav sein. Am besten vergessen, was er eigentlich wollte: Frei sein, in Pfützen springen, auf Bäume klettern, frech sein. Der Ernst des Lebens hatte begonnen.

Das war ihm nur gelungen, weil er einen Teil von sich abgespalten hatte. Jetzt gab er sich Mühe, so zu sein, wie die Eltern und Lehrer ihn haben wollten. Ein Trauma nennt man das, eine Verletzung. Die Normalität.

Ist es ein Glück, wenn er das durchhält? Sein ganzes Leben lang funktioniert, ohne Höhen und Tiefen, verwertbar, brauchbar, verplant und verraten? Und depressiv. Oder: Er verliert die Kontrolle, weil die verbannten Wünsche zu übermächtig geworden sind. Anpassungsstörung. Wenn er Pech hat, wird er kriminell oder kommt in die Klapse. Wenn er Glück hat, dann wird das Leben interessant, das heißt, sehr unbequem.

Es gibt zwei Arten von Kontrolle, beziehungsweise Selbstkontrolle. Die eine: So, wie er es gelernt hat. Das wilde Kind wird eingesperrt, und alle seine Lebensäußerungen rigoros unterdrückt. Die andere: Beobachten, akzeptieren, integrieren. Das Kind darf sein, und es wird gebraucht. Für Lebensfreude, für Wut und Trauer, sogar für die gefährlichen Aktionen, die die anderen Leute in Zweifel und unerwünschte Konflikte stürzen. Und wenn Schaden entsteht, dann kann es auch mal darauf verzichten oder sich entschuldigen.

Gehirnwäsche: Das ist die rigorose Erziehung, ohne Beziehung. Der Stärkere setzt sich durch, auch wenn er besoffen ist. So lange verprügeln, bis das Kind sich benimmt. Manchmal wird das auch Therapie genannt. Vorsicht: Das ist keine. Auch mit Straftätern funktioniert das nicht. Auch im Knast und im Maßregelvollzug muss man sie akzeptieren. Und wenn sie darauf bestehen, andere Leute tot zu schlagen, dann bleiben sie eben drin.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bedeutet, sich auf eine Beziehung einzulassen, auf Machtproben und Zwang zu verzichten, ehrlich anzunehmen und zu antworten. (Auch mit Hass, Trauer oder was immer.) Was heilt, ist die Beziehung.

Literatur:

Theodor Reik Der überraschte Psychologe Leiden (Sijthoff) 1935

Klaus Grawe und Ruth Donati Psychotherapie im Wandel Göttingen (Hogrefe) 1994